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Das Schicksal der in Mitteleuropa heimischen Flusskrebse

Dipl.-Biol. Anja Dethlefs, Zoologisches Institut der Universität Kiel

Der geschichtliche Hintergrund

Bis etwa 1860 waren Flusskrebse ein wichtiger Nahrungsbestandteil aller Bevölkerungsschichten. In fast allen Gewässern fanden sich in großen Mengen der „Edelkrebs" (Astacus astacus), der „Steinkrebs" (Austropotamobius torrentium) und der „Dohlenkrebs" (Austropotamobius pallipes). Um der Nachfrage nachzukommen, gab es in ganz Europa sehr viele Krebszuchten und Krebshälterungsanlagen ("Krebsgärten"), die jeweils mehr als 750.000 Krebse fassten. Allein in Paris aß man damals jährlich 7-10 Millionen Flusskrebse.

Doch dann starben in der Lombardei (N-W Italien) alle Krebse. Schnell kam der Begriff "Krebspest" auf, denn so schnell breitete sich das Sterben aus und man konnte seine Krebse nicht schützen. Nach wenigen Jahrzehnten gab es in ganz Europa nur noch wenige Gewässer, in denen Flusskrebse lebten. Die großen Ströme waren wie leergefegt, ein ganzer Wirtschaftszweig brach zusammen.

Um nun schnell wieder der anhaltenden Nachfrage nach Flusskrebsen nachkommen zu können, mußte für Ersatz gesorgt werden: Man unternahm Besatzversuche mit dem Galizischen Sumpfkrebs (Astacus leptodactylus) aus dem Schwarzmeergebiet und dem Kamberkrebs (Orconectes limosus) aus Nordamerika. Der Galizier fiel auch der Krebspest zum Opfer (dennoch stammen die wenigen Bestände in Deutschland von diesen Versuchen). Übrig blieb der resistente Kamberkrebs. Er konnte sich mehr als 100 Jahre ungehindert in ganz Europa ausbreiten und die durch die Krebspest entstandene Lücke füllen.

Um 1970 versuchte man den Signalkrebs als Speisekrebs zu etablieren, doch nur zehn Jahre später entdeckte man das Potential des in Deutschland immer noch vorkommenden heimischen Edelkrebses und begann die Speisekrebszucht ausschließlich mit dieser Art zu subventionieren.

Die Flusskrebse heute und ihre Gefährdung

Heute sind die heimischen Krebsarten (in Deutschland: Edelkrebs, Steinkrebs und Dohlenkrebs) immer noch sehr selten. Meistens kommen sie noch in Quellregionen oder für andere Krebse schwer zugänglichen Gewässern vor. Wer in seinem Gewässer Edelkrebse hat, kann sich glücklich schätzen, denn sie sind selten und anspruchsvoll, was ihren Lebensraum angeht. Deswegen sind sie eine Indikatorart: Wo Edelkrebse leben und sich ein stabiler Bestand hält, ist die Welt noch in Ordnung.

Die Krebspest ist ein Pilz, der aller Wahrscheinlichkeit nach aus Nordamerika eingeschleppt wurde. Der infektiöse Teil sind die frei beweglichen Sporen des Pilzes, die sich im Wasser befinden. Sie suchen aktiv nach einem Krebs, den sie infizieren können. Es reicht also allein das Wasser aus einem Gewässer mit infiziertem Krebsbestand aus, um einen erneuten Ausbruch der Krebspest hervorzurufen. Resistente (Bsp. Kamberkrebs) oder teilresistente (Bsp. Signalkrebs) Krebse können mit der Infektion leben. Eine Infektion von nicht resistenten Krebsen (alle einheimischen Arten) hat einen Totalausfall zur Folge: bei 20°C Wassertemperatur stirbt nach etwa einer Woche der gesamte Bestand. Anzeichen für eine Infektion sind zunehmende Tagaktivität, ständiges Putzen und eine Gleichgewichtsstörung. Tote Tiere sind von dem Pilz durchwuchert und geben dementsprechend viele neue Sporen frei.

Viele nicht heimische Flusskrebse (Kamberkrebs, Signalkrebs, u.a.) können auch heute mit der Krebspest infiziert sein. Zusammen mit ihrem Drang sich auszubreiten gefährden sie heimische Flusskrebse. Auch, wenn die nicht heimischen Flusskrebse nicht mit der Krebspest infiziert sind, können sie langfristig die heimischen Arten verdrängen, weil sie mehr Nachkommen produzieren, die schneller heranwachsen. Auch vor kurzem erst eingewanderte Krebsarten bedrohen die heimischen: Vor wenigen Jahren wurde erstmals der "Kalikokrebs" aus Kanada im Rhein entdeckt. Wahrscheinlich wurde er von Angehörigen einer Kaserne als Köder aus der Heimat mitgebracht. Mittlerweile ist er schon über mehr als 100 km Flussstrecke gewandert und hat sich dort ausgebreitet. Auch gibt es den "Roten Amerikanischen Sumpfkrebs", der weit verzweigte, meterlange Wohnröhren in das Ufer gräbt und damit Bewässerungssysteme und Deiche schädigen kann. Auch ist er für Massenwanderungen bekannt.

Zunächst einmal bedroht die Unwissenheit der Menschen unsere heimischen Flusskrebse: Viele wissen gar nicht, daß es Flusskrebse gibt und kennen auch nicht die Krebspest. Daß sie diese auch übertragen könnten, wenn sie mit ihrem Gummiboot von Badesee zu Badesee fahren, wissen sie dementsprechend auch nicht. Zoogeschäfte handeln mit exotischen Krebsen, die audch die Krebspest tragen können. Jederzeit könnten das Wasser oder exotische Krebse aus privaten Aquarien in unsere Gewässer gelangen. Der „Marmorkrebs" (Procambarus sp.) ist dabei besonders tückisch: Es gibt nur Weibchen und sie pflanzen sich eingeschlechtlich fort, also ohne Männchen und ohne eine Befruchtung. Ein ausgesetztes Tier kann also eine neue Population gründen.

Ein zu hoher Besatz mit Raubfischen kann eine Krebspopulation auslöschen.

Wasserverschmutzung kann zu Krebssterben führen. Auch Kuhmist führt zu einer Wasserverschmutzung. Die nicht heimischen Krebse sind wesentlich flexibler und können auch in verschmutztem Wasser und mit schlammigem Grund leben.

Das Ausbaggern eines Gewässers setzt den Krebsen enorm zu, weil sie mit ausgebaggert werden. Dies kann zum Aussterben einer Population führen!

Auch der Wasserbau wie die Kanalisierung eines Fließgewässers oder eine Uferbefestigung können heimische Flusskrebse vertreiben.

Schutz der heimischen Krebse

Besonders wichtig ist die Aufklärung der Öffentlichkeit über Krebse und vor allem deren Schutz. Auf jeden Fall muß auch im Bereich der Angelvereine eine solche Aufklärung erfolgen. Außerdem müssten Personen, die sich einen exotischen Krebs für das Aquarium anschaffen wollen, schon vor dem Kauf entsprechend informiert werdenBesonders effektiv sind Wanderbarrieren, um heimische Krebse vor nicht heimischen Arten zu schützen: Befinden sich zum Beispiel in einem Gewässer oberhalb eines Bestandes von Kamberkrebsen (nicht heimisch) ausschließlich Edelkrebse (heimische Art) und werden diese durch die Wanderung der Kamberkrebse, die vielleicht auch noch die Krebspest tragen, bedroht, so kann eine Wanderbarriere die heimischen Krebse schützen. Als Barrieren können unter anderem solche Bauwerke dienen, die zur Zeit im Rahmen der Wiederherstellung der Durchgängigkeit von Fliessgewässern entfernt werden. Es ist also genau abzuwägen, ob die Durchwanderbarkeit eines Gewässers nicht nur einen Nutzen, sondern vielleicht auch einen nicht wieder zurückzunehmenden Schaden bringt.

Sehr wichtig ist aber auch der Erhalt oder die Wiederherstellung des Lebensraums der heimischen Flusskrebse: Kanalisationen müssen entfernt, eine strukturreiche Umgebung mit vielen Versteckmöglichkeiten, unterschiedlicher Fließgeschwindigkeit und kiesigem Boden wieder hergestellt werden. Die infektiösen Sporen der Krebspest befinden sich im Wasser, nicht nur an den Krebsen. Deshalb muß man besonders darauf achten, daß kein Wasser aus einem Gewässer in das Nächste verbracht wird: alle Geräte und Kleidungsstücke müssen vorher gut getrocknet sein. Das Wasser von Besatzfischen kann Krebspesterreger beinhalten!

Die Situation in Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein ist nur der Edelkrebs heimisch. Früher gab es ihn auch hier reichlich, bis die Krebspest auch Schleswig-Holstein erreichte. Durch Wanderung und Besatz kam der Kamberkrebs ins Land und in den 70er Jahren brachten erneute Besatzversuche den Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) ins Land. Zu dieser Zeit brach auch mehrmals die Krebspest wieder aus. Auch gibt es wenige Galizier-Bestände (Astacus leptodactylus). Wo bei uns im Land noch heute Edelkrebse leben, ist weitgehend unbekannt. Man weiß von einigen Beständen, die sich entweder in entlegenen Teilen von Fließgewässern oder aber in Seen ohne Zu- oder Abfluß befinden. Hierher sind (noch) nicht die Krebspest oder andere Flusskrebsarten gelangt. Der weitaus weniger anspruchsvolle Kamberkrebs ist immer auf Wanderschaft und hat sich mittlerweile sehr stark im Trave- und Schwentinegebiet ausgebreitet. Sogar im Nord-Ostsee-Kanal hat man ihn schon gefunden. Eine Untersuchung hat gezeigt, daß einige Gewässer von Krebsen bewohnt werden, die mit der Krebspest infiziert sind. In jedem dieser Seen lebten zuvor Edelkrebse. Nur ein einziger Krebs oder auch nur das Wasser aus einem dieser Seen könnte in einem anderen Gewässer alle Edelkrebse töten oder einen bisher krebspestfreien Kamberkrebsbestand infizieren.

Forschung über Flusskrebse

Während meiner Doktorarbeit möchte ich nun mehr über die Flusskrebse und speziell die Edelkrebse in Schleswig-Holstein herausfinden. Vor allem interessiert mich, wo sie früher gelebt haben, wo sie heute noch vorkommen und wie sie sich ausgebreitet haben. Auch sollen die Auswirkungen anderer Krebsarten auf die Edelkrebse untersucht werden. Eine solche Kartierung wird im Auftrag des Landesverbands der Wasser- und Bodenverbände und mit Unterstützung des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume von mir durchgeführt.

Hierbei bin ich auch auf Hinweise von anderen Personen angewiesen, die wissen, wo früher oder heute noch Flusskrebse vorkommen. Jede Erwähnung von Krebsen in alter Literatur oder alten Fangstatistiken sowie Bezeichnungen wie „Krebsbach" oder „Krebskuhle" oder Erinnerungen an den Krebsfang als Kind kann mich zu einem noch nicht bekannten Vorkommen führen.

Sie können sich auch auf meiner Seite im Internet unter http://flusskrebse-in-sh.hammes.at (KEIN "www"!) über Flusskrebse informieren. Hier finden Sie auch eine Umfrage zu Flusskrebsen, einen Bestimmungsschlüssel für Flusskrebse und einen Meldebogen.

Anja Dethlefs, Dipl.-Biol.

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