Angelgewässer Landessportfischereiverband Schleswig-Holstein Anglerforum des Landessportfischereiverbands Schleswig-Holstein Angelwiki Angelschein-Shop Startseite

Schutz durch Nutzung – Perspektiven für den einheimischen Edelkrebs

Von Kai Lehmann, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Zoologisches Institut Abt. Limnologie. Bislang am Projekt beteiligte Personen: H. Brendelberger, K. Lehmann, H. JeskeEFF

Das Projekt wird gefördert durch das Landesamt für Landwirtschaft Umwelt und ländliche Räume (LLUR) mit Mitteln der Europäischen Union


Europäischer Fischereifonds,
Investitionen in eine nachhaltige Fischerei

Der Edelkrebs ist vielen Schleswig-Holsteinern noch gut bekannt. Bis vor einigen Jahrzehnten fand man in zahlreichen Still- und Fließgewässern unseres Landes noch größere Bestände des einzigen hier heimischen Flusskrebses. Nur wenige wissen jedoch um die Bedeutung, die der Edelkrebs für die Ernährung der Bevölkerung, als wirtschaftlicher Faktor für die Fischerei und für die Ökologie der Gewässer insgesamt noch bis vor gut 100 Jahren besaß (vgl. Schulz et al. 2009).

Seit dem dramatischen Einbruch der Populationen, der vor allem durch die Krebspest verursacht wurde, konnten sich die schleswig-holsteinischen Bestände nicht wieder erholen. Ursache ist neben der Krebspest auch der vielfach schlechte ökologische Zustand der Gewässer. Dass dennoch Chancen für erfolgreiche Entwicklungen bestehen, zeigen bereits Projekte in anderen Bundesländern (u.a. http://www.edelkrebsprojekt-nrw.de/). Schutz- und Wiederansiedlungsbemühungen blieben jedoch insgesamt wenig erfolgreich, seit Jahren ist bundesweit ein Rückgang der Bestände zu beobachten.Aus seiner fast vergessenen kulinarischen Attraktivität erwächst eine Besonderheit des Edelkrebses: Einerseits stehen die wildlebenden Bestände unter strengem Schutz, andererseits werden die Tiere auch heute in Teichanlagen kultiviert und als Speisekrebse vermarktet.

Durch den „Schutz durch Nutzung" soll mit rentabler Bewirtschaftung der heimischen Art in Teichanlagen erreicht werden, dass deren Popularität sowohl bei den Nutzern wie auch in der breiten Bevölkerung steigt und somit langfristig der Erhalt der Tierart - durch gezielte Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen vor allem auch in wildlebenden Populationen - ermöglicht wird. Hierfür entwickeln die am Projekt beteiligten Personen nach wissenschaftlichen Methoden wichtige Grundlagen. Der Schwerpunkt unserer Arbeiten liegt dabei auf der kontrollierten Vermehrung und Aufzucht von Edelkrebsen. Dabei geht es zum einen um die Steigerung der Wirtschaftlichkeit von Edelkrebs-Teichwirtschaften. Zum anderen eröffnen sich durch die gewonnenen Erkenntnisse neue Perspektiven für den Schutz und Erhalt der verbliebenen einheimischen Bestände.

 

Speisekrebsproduktion

Der Großteil der in Deutschland verzehrten etwa 120 T Flusskrebse stammen heutzutage aus Importen vor allem aus der Türkei oder dem Iran (Galizischer Sumpfkrebs Astacus leptodactylus) sowie aus China (Roter amerikanische Sumpfkrebs Procambarus clarkii). Mit knapp 10 T hier stellen heimische Edelkrebse nur einen geringen Anteil (Schulz et al. 2009).

Edelkrebse erreichen in natürlichen Gewässern nach 4-5 Jahren ein Gewicht von 70-90g, in einer Krebszuchtanlage kann dieser Zeitraum auf 3 Jahre verkürzt werden. Durch Integration einer geschlossenen Kreislaufanlage besteht die Möglichkeit, bereits nach 2 Jahren Speisekrebse mit einem Gewicht von 70-90g zu erhalten.

Die nachfolgenden Aspekte sind für die erarbeitete Methode der Speisekrebsproduktion elementar, werden im Projekt durchgeführt und sind Gegenstand gezielter wissenschaftlicher Untersuchungen sowohl in der Krebszucht Oeversee als auch in der Abteilung Limnologie der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Die vorgestellten Aspekte werden in dieser Form nur im Projekt praktiziert und stellen damit deutschland- und europaweit ein Novum dar.

Vorstrecken juveniler Edelkrebse in einer geschlossenen Kreislaufanlage

Die Kreislaufanlage (Abb. 1) dient im Rahmen des Pilotprojekts zum Vorstrecken juveniler Edelkrebse. Diese werden in klimaneutral über ein Gewächshaus erwärmten Wasser bereits im März in die Becken besetzt und nach ca. 8 Wochen - nun gut 0,5 bis1,0g und damit 10-20 mal so schwer wie beim Schlupf - in die angeschlossene Teichanlage umgesetzt. Durch dieses Vorgehen steht den Krebsen im ersten Jahr eine um 3 Monate längere Wachstumsperiode zu Verfügung und sie erreichen nach dem ersten Sommer bereits ein Gewicht von 10g - in der Natur und in herkömmlich bewirtschafteten Teichen sind die Krebse dann gerade 1g schwer. Im zweiten Jahr ermöglicht dieser Wachstumsvorsprung gegenüber herkömmlicher Haltung dann ein Erreichen des marktfähigen Gewichts von 70-90g (Abb. 2).

01 Kreislaufanlage_1024x684

02 Edelkrebs_1024x768
Abbildung 1: Kreislaufanlage

Abbildung 2: Ausgewachsenes Edelkrebsmännchen

Laichtierhaltung und kontrollierte Vermehrung

Der Fortpflanzungszyklus von Edelkrebsen stellt in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit dar. Die Paarung erfolgt natürlicherweise im Herbst, wenn die Wassertemperatur unter 12 °C fällt. Die Männchen drehen dabei die Weibchen auf den Rücken und platzieren ein Samenpaket in der Nähe der Geschlechtsöffnung. Einige Wochen später stoßen die Weibchen 100 bis 250 Eier aus, nun findet auch die Befruchtung statt. Die Entwicklung der Eier unter dem Hinterleib der Weibchen dauert bis zum kommenden Sommer. Während dieses Zeitraums sortiert das Weibchen beschädigte oder kranke Eier aus, betreibt aktive Brutpflege. Erst zu Beginn des Juni schlüpfen die Krebslarven, die nach weiteren 10 Tagen die Mutter verlassen (vgl. Zehnder 1934, Hager 1996).

Eine wesentliche Voraussetzung für die innovative Bewirtschaftungsmethode liegt in der Verfügbarkeit eiertragender Krebsweibchen zwischen Januar und Februar. Zu diesem Zeitpunkt werden die Eier von Weibchen abgenommen und kontrolliert erbrütet (vgl. 2.3). Um weitgehend witterungsabhängig arbeiten zu können, werden daher bereits im September / November geschlechtsreife Tiere im Verhältnis 1♂ zu 3♀ in die Kreislaufanlage überführt und ca. 3-4 ♀/m² besetzt. Wenn die Wassertemperaturen in der Kreislage unter 12 °C fallen, beginnt auch dort die Paarung und wenig später legen die Weibchen die Eier ab. Nun verbleiben sowohl Männchen als auch ♀♀ möglichst ungestört in den Becken. Als Verstecke dienen währen dieser Zeit Drainagerohre sowie Dachpfannen aus Ton. Ende Januar / Anfang Februar - die Wassertemperaturen liegen inzwischen unter 5 °C - können die Eier vorsichtig von den Weibchen abgestreift werden (Abb.3).

03 Eier_1024x683

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 3: Abstreifen der Krebseier. Ein ausgewachsenes Weibchen legt zwischen 100 und 250 Eier ab, die zu Beginn etwa einen Durchmesser von 2,5-3 mm haben. Die Eier heften mit kleinen Fortsätzen an den Pleopoden der Weibchen.

Erbrütung der Edelkrebseier

Nachdem die Eier vom Weibchen abgenommen wurden, werden sie in die Brutmaschine überführt (Abb. 4). Die Maschine besteht aus einem Rahmen, in dem zahlreiche Körbe eingehängt sind. Jedes der weißen Körbe beinhaltet hierbei die Eier eines Weibchens. Der Rahmen wird von einem Elektromotor langsam vor und zurück über eine Wasserwanne bewegt. Durch diese Bewegung wird die Frischwasserversorgung der Eier sichergestellt.

04 Brutmaschine_1024x683

Abbildung 4: Brutmaschine für die Flusskrebseier.

Diese Vorgehensweise macht sowohl gezielte Untersuchungen an den Gelegen einzelner Weibchen möglich, erlaubt ebenfalls die parallele Erbrütung von Eiern aus verschiedenen Populationen - ohne diese dabei zu vermischen.

Von großer Bedeutung für eine erfolgreiches Erbrütung in der Brutmaschine („Hemputin") ist sauberes, sauerstoffreiches Wassers. Daher wird es permanent belüftet und mit UV Licht gegen Bakterien und Algen behandelt. Die Temperatur wird langsam auf die optimale Entwicklungstemperatur für Edelkrebseier von 18°C angehoben werden. Nun dauert es ca. 6-8 Wochen, bis die Krebse aus den Eiern schlüpfen (Abb.5) und sich noch einmal häuten, bevor sie Anfang März in die Kreislaufanlage besetzt werden.

05 frisch geschüpfte Edelkrebse_1024x683

Abbildung 5: Geschlüpfte Edelkrebse, die direkt aus der Brutmaschine kommen. Die Tiere haben bereits die erste Häutung vollzogen haben und wiegen ca. 35 mg bei einer Gesamtlänge von ca. 12 mm.

Die kontrollierte Erbrütung hat den Vorteil, dass die Wassertemperatur und damit der Schlupfzeitpunkt der juvenilen Krebse genau gesteuert werden kann. Zudem liegen die Überlebensraten deutlich über den natürlicherweise erreichbaren, da eine genaue Kontrolle der wasserchemischen Parameter möglich ist. Deutschlandweit wird diese Art der Erbrütung nur in der Anlage Oeveresee sowie den Einrichtungen der Universität Kiel praktiziert.

 

Erhalt der schleswig-holsteinischen Edelkrebsbestände durch Bereitstellung von bodenständigen Satzkrebsen

Die verbliebenen einheimischen Edelkrebsbestände können durch gezielte Besatzmaßnahmen gestützt, neue Populationen in geeigneten Gewässern etabliert werden. Vorrangiges Ziel soll hierbei insbesondere der Erhalt der lokalen Populationen sein (vgl. Schulz et al. 2009, Reynolds & Souty-Grosset 2012).

Diesem Ziel liegt der Gedanke zugrunde, dass die genetische Ausstattung verschiedener, lokal voneinander getrennter Populationen einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität insgesamt leistet. Eine breite genetische Vielfalt innerhalb einer Art hilft dieser, sich besser an sich verändernde Umweltbedingungen anzupassen. So haben sich über die Zeit vielfach lokale Formen herausgebildet, die an die spezifischen Umweltbedingungen in ihrem Verbreitungsgebiet besonders angepasst sind (siehe auch Bachmuschel, hier auf Fischschutz.de).

Der Edelkrebs wurde aufgrund seiner Bedeutung als Nahrungsmittel schon früh über weite Entfernungen transportiert (Hager 1996, Chucholl & Dehus 2011) und somit hat vielfach eine Durchmischung der Populationen stattgefunden. Jedoch gibt es in Schleswig-Holstein vermutlich zahlreiche Bestände, die nicht von dieser Praxis betroffen waren, da sie z.B. in schlecht zugänglichen Regionen lebten. Darüber hinaus kann durch autochtonen Besatz gerade diese Ausprägung lokaler Eigenheiten in der Zukunft gefördert werden.

Aus den im Projekt bislang gewonnenen Erfahrungen - insbesondere mit der kontrollierten Vermehrung von Wildfängen in der geschlossenen Kreislaufanlage, der kontrollierten Erbrütung der Krebseier und dem Vorstrecken der juvenilen Krebse - ergeben sich neue Perspektiven für den Artenschutz.

Die Überlebensraten von kontrolliert erbrüteten und vorgestreckten Krebsen sind mit 70-80 % sehr hoch. Dadurch ist es nun möglich, bestehende (kleine) Krebsbestände durch bodenständigen Besatz zu stützen. Dies erscheint besonders dann sinnvoll, wenn die Reproduktion der Tiere oder das heranwachsen der juvenilen beeinträchtigt ist. Ursachen hierfür können ungünstige biotische wie abiotische Faktoren (z.B. pH-Wert Schwankungen oder starker Prädationsdruck) darstellen. Durch zeitlich begrenzte Stützung kann das Bestehen einer lokalen Population so sichergestellt werden, bis die Stressoren beseitigt werden können.

Im Herbst 2011 wurden aus einer gefährdeten und aus populationsgenetischer Sicht schützenswerten Freilandpopulation knapp 200 Edelkrebse entnommen. Die Tiere konnten bereits wie oben beschrieben erfolgreich vermehrt und erbrütet werden. Der Besatz eines Teils der erbrüteten und vorgestreckten Krebse in ihr ursprüngliches Gewässer soll im Sommer 2012 erfolgen.

 

Literatur:

Chucholl, C. & P. Dehus (2011). Flusskrebse in Baden-Württemberg. Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg (FFS), Langenargen, 29S.

Hager, J. (1996). Edelkrebse : Biologie - Zucht - Bewirtschaftung. Leopold Stocker Verlag, Graz; 128 S.

Jeske, H. (2007). Künstliche Erbrütung von Krebseiern. Forum Flusskrebse 7: 20-41.

Schulz, H.; Gross, H.; Dümpelmann, C. & R. Schulz (1999). Flusskrebse Deutschlands. In: Füreder, L. Flusskrebse: Biologie - Ökologie - Gefährdung. Folioverlag Wien/Bozen: 144 S.

Reynolds, J. & C. Souty-Grosset 2012. Management of freshwater biodiversity - Crayfish as bioindicators. Cambridge University Press. 374 S.

Zehnder, H. (1934). Über die Embryonalentwicklung des Flusskrebses. Acta Zoologica 15: 261-408.

 

Kontakt:

Dipl.-Umweltwiss. Kai Lehmann
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Zoologisches Institut Abt. Limnologie
Olshausenstrasse 40
24098 Kiel
0431 8804728
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Helmut Jeske
Krebszucht Oeversee
Süderweg 1a
24998 Oeversee
04638/7506
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Copyright © 2008-2017 by LSFV Schleswig-Holstein e.V.  -  Impressum