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Perspektiven für den einheimischen Edelkrebs

Schutz durch Nutzung – Perspektiven für den einheimischen Edelkrebs

Von Kai Lehmann, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Zoologisches Institut Abt. Limnologie. Bislang am Projekt beteiligte Personen: H. Brendelberger, K. Lehmann, H. Jeske

Das Projekt wird gefördert durch das Landesamt für Landwirtschaft Umwelt und ländliche Räume (LLUR) mit Mitteln der Europäischen Union

Der Edelkrebs ist vielen Schleswig-Holsteinern noch gut bekannt. Bis vor einigen Jahrzehnten fand man in zahlreichen Still- und Fließgewässern unseres Landes noch größere Bestände des einzigen hier heimischen Flusskrebses. Nur wenige wissen jedoch um die Bedeutung, die der Edelkrebs für die Ernährung der Bevölkerung, als wirtschaftlicher Faktor für die Fischerei und für die Ökologie der Gewässer insgesamt noch bis vor gut 100 Jahren besaß (vgl. Schulz et al. 2009).

EFF
Europäischer Fischereifonds, Investitionen in eine nachhaltige Fischerei

Seit dem dramatischen Einbruch der Populationen, der vor allem durch die Krebspest verursacht wurde, konnten sich die schleswig-holsteinischen Bestände nicht wieder erholen. Ursache ist neben der Krebspest auch der vielfach schlechte ökologische Zustand der Gewässer. Dass dennoch Chancen für erfolgreiche Entwicklungen bestehen, zeigen bereits Projekte in anderen Bundesländern (u.a. http://www.edelkrebsprojekt-nrw.de/). Schutz- und Wiederansiedlungsbemühungen blieben jedoch insgesamt wenig erfolgreich, seit Jahren ist bundesweit ein Rückgang der Bestände zu beobachten.Aus seiner fast vergessenen kulinarischen Attraktivität erwächst eine Besonderheit des Edelkrebses: Einerseits stehen die wildlebenden Bestände unter strengem Schutz, andererseits werden die Tiere auch heute in Teichanlagen kultiviert und als Speisekrebse vermarktet.

Durch den „Schutz durch Nutzung" soll mit rentabler Bewirtschaftung der heimischen Art in Teichanlagen erreicht werden, dass deren Popularität sowohl bei den Nutzern wie auch in der breiten Bevölkerung steigt und somit langfristig der Erhalt der Tierart - durch gezielte Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen vor allem auch in wildlebenden Populationen - ermöglicht wird. Hierfür entwickeln die am Projekt beteiligten Personen nach wissenschaftlichen Methoden wichtige Grundlagen. Der Schwerpunkt unserer Arbeiten liegt dabei auf der kontrollierten Vermehrung und Aufzucht von Edelkrebsen. Dabei geht es zum einen um die Steigerung der Wirtschaftlichkeit von Edelkrebs-Teichwirtschaften. Zum anderen eröffnen sich durch die gewonnenen Erkenntnisse neue Perspektiven für den Schutz und Erhalt der verbliebenen einheimischen Bestände.

Speisekrebsproduktion

Der Großteil der in Deutschland verzehrten etwa 120 T Flusskrebse stammen heutzutage aus Importen vor allem aus der Türkei oder dem Iran (Galizischer Sumpfkrebs Astacus leptodactylus) sowie aus China (Roter amerikanische Sumpfkrebs Procambarus clarkii). Mit knapp 10 T hier stellen heimische Edelkrebse nur einen geringen Anteil (Schulz et al. 2009).

Edelkrebse erreichen in natürlichen Gewässern nach 4-5 Jahren ein Gewicht von 70-90g, in einer Krebszuchtanlage kann dieser Zeitraum auf 3 Jahre verkürzt werden. Durch Integration einer geschlossenen Kreislaufanlage besteht die Möglichkeit, bereits nach 2 Jahren Speisekrebse mit einem Gewicht von 70-90g zu erhalten.

Die nachfolgenden Aspekte sind für die erarbeitete Methode der Speisekrebsproduktion elementar, werden im Projekt durchgeführt und sind Gegenstand gezielter wissenschaftlicher Untersuchungen sowohl in der Krebszucht Oeversee als auch in der Abteilung Limnologie der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Die vorgestellten Aspekte werden in dieser Form nur im Projekt praktiziert und stellen damit deutschland- und europaweit ein Novum dar.

 

Vorstrecken juveniler Edelkrebse in einer geschlossenen Kreislaufanlage 

Die Kreislaufanlage (Abb. 1) dient im Rahmen des Pilotprojekts zum Vorstrecken juveniler Edelkrebse. Diese werden in klimaneutral über ein Gewächshaus erwärmten Wasser bereits im März in die Becken besetzt und nach ca. 8 Wochen - nun gut 0,5 bis1,0g und damit 10-20 mal so schwer wie beim Schlupf - in die angeschlossene Teichanlage umgesetzt. Durch dieses Vorgehen steht den Krebsen im ersten Jahr eine um 3 Monate längere Wachstumsperiode zu Verfügung und sie erreichen nach dem ersten Sommer bereits ein Gewicht von 10g - in der Natur und in herkömmlich bewirtschafteten Teichen sind die Krebse dann gerade 1g schwer. Im zweiten Jahr ermöglicht dieser Wachstumsvorsprung gegenüber herkömmlicher Haltung dann ein Erreichen des marktfähigen Gewichts von 70-90g (Abb. 2).

Laichtierhaltung und kontrollierte Vermehrung

Der Fortpflanzungszyklus von Edelkrebsen stellt in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit dar. Die Paarung erfolgt natürlicherweise im Herbst, wenn die Wassertemperatur unter 12 °C fällt. Die Männchen drehen dabei die Weibchen auf den Rücken und platzieren ein Samenpaket in der Nähe der Geschlechtsöffnung. Einige Wochen später stoßen die Weibchen 100 bis 250 Eier aus, nun findet auch die Befruchtung statt. Die Entwicklung der Eier unter dem Hinterleib der Weibchen dauert bis zum kommenden Sommer. Während dieses Zeitraums sortiert das Weibchen beschädigte oder kranke Eier aus, betreibt aktive Brutpflege. Erst zu Beginn des Juni schlüpfen die Krebslarven, die nach weiteren 10 Tagen die Mutter verlassen (vgl. Zehnder 1934, Hager 1996).

Eine wesentliche Voraussetzung für die innovative Bewirtschaftungsmethode liegt in der Verfügbarkeit eiertragender Krebsweibchen zwischen Januar und Februar. Zu diesem Zeitpunkt werden die Eier von Weibchen abgenommen und kontrolliert erbrütet (vgl. 2.3). Um weitgehend witterungsabhängig arbeiten zu können, werden daher bereits im September / November geschlechtsreife Tiere im Verhältnis 1♂ zu 3♀ in die Kreislaufanlage überführt und ca. 3-4 ♀/m² besetzt. Wenn die Wassertemperaturen in der Kreislage unter 12 °C fallen, beginnt auch dort die Paarung und wenig später legen die Weibchen die Eier ab. Nun verbleiben sowohl Männchen als auch ♀♀ möglichst ungestört in den Becken. Als Verstecke dienen währen dieser Zeit Drainagerohre sowie Dachpfannen aus Ton. Ende Januar / Anfang Februar - die Wassertemperaturen liegen inzwischen unter 5 °C - können die Eier vorsichtig von den Weibchen abgestreift werden (Abb.3).

 

Erbrütung der Edelkrebseier

Nachdem die Eier vom Weibchen abgenommen wurden, werden sie in die Brutmaschine überführt (Abb. 4). Die Maschine besteht aus einem Rahmen, in dem zahlreiche Körbe eingehängt sind. Jedes der weißen Körbe beinhaltet hierbei die Eier eines Weibchens. Der Rahmen wird von einem Elektromotor langsam vor und zurück über eine Wasserwanne bewegt. Durch diese Bewegung wird die Frischwasserversorgung der Eier sichergestellt.

Diese Vorgehensweise macht sowohl gezielte Untersuchungen an den Gelegen einzelner Weibchen möglich, erlaubt ebenfalls die parallele Erbrütung von Eiern aus verschiedenen Populationen - ohne diese dabei zu vermischen.

Von großer Bedeutung für eine erfolgreiches Erbrütung in der Brutmaschine („Hemputin") ist sauberes, sauerstoffreiches Wassers. Daher wird es permanent belüftet und mit UV Licht gegen Bakterien und Algen behandelt. Die Temperatur wird langsam auf die optimale Entwicklungstemperatur für Edelkrebseier von 18°C angehoben werden. Nun dauert es ca. 6-8 Wochen, bis die Krebse aus den Eiern schlüpfen (Abb.5) und sich noch einmal häuten, bevor sie Anfang März in die Kreislaufanlage besetzt werden.

Die kontrollierte Erbrütung hat den Vorteil, dass die Wassertemperatur und damit der Schlupfzeitpunkt der juvenilen Krebse genau gesteuert werden kann. Zudem liegen die Überlebensraten deutlich über den natürlicherweise erreichbaren, da eine genaue Kontrolle der wasserchemischen Parameter möglich ist. Deutschlandweit wird diese Art der Erbrütung nur in der Anlage Oeveresee sowie den Einrichtungen der Universität Kiel praktiziert.

Erhalt der schleswig-holsteinischen Edelkrebsbestände durch Bereitstellung von bodenständigen Satzkrebsen

Die verbliebenen einheimischen Edelkrebsbestände können durch gezielte Besatzmaßnahmen gestützt, neue Populationen in geeigneten Gewässern etabliert werden. Vorrangiges Ziel soll hierbei insbesondere der Erhalt der lokalen Populationen sein (vgl. Schulz et al. 2009, Reynolds & Souty-Grosset 2012).

Diesem Ziel liegt der Gedanke zugrunde, dass die genetische Ausstattung verschiedener, lokal voneinander getrennter Populationen einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität insgesamt leistet. Eine breite genetische Vielfalt innerhalb einer Art hilft dieser, sich besser an sich verändernde Umweltbedingungen anzupassen. So haben sich über die Zeit vielfach lokale Formen herausgebildet, die an die spezifischen Umweltbedingungen in ihrem Verbreitungsgebiet besonders angepasst sind (siehe auch Bachmuschel, hier auf Fischschutz.de).

Der Edelkrebs wurde aufgrund seiner Bedeutung als Nahrungsmittel schon früh über weite Entfernungen transportiert (Hager 1996, Chucholl & Dehus 2011) und somit hat vielfach eine Durchmischung der Populationen stattgefunden. Jedoch gibt es in Schleswig-Holstein vermutlich zahlreiche Bestände, die nicht von dieser Praxis betroffen waren, da sie z.B. in schlecht zugänglichen Regionen lebten. Darüber hinaus kann durch autochtonen Besatz gerade diese Ausprägung lokaler Eigenheiten in der Zukunft gefördert werden.

Aus den im Projekt bislang gewonnenen Erfahrungen - insbesondere mit der kontrollierten Vermehrung von Wildfängen in der geschlossenen Kreislaufanlage, der kontrollierten Erbrütung der Krebseier und dem Vorstrecken der juvenilen Krebse - ergeben sich neue Perspektiven für den Artenschutz.

Die Überlebensraten von kontrolliert erbrüteten und vorgestreckten Krebsen sind mit 70-80 % sehr hoch. Dadurch ist es nun möglich, bestehende (kleine) Krebsbestände durch bodenständigen Besatz zu stützen. Dies erscheint besonders dann sinnvoll, wenn die Reproduktion der Tiere oder das heranwachsen der juvenilen beeinträchtigt ist. Ursachen hierfür können ungünstige biotische wie abiotische Faktoren (z.B. pH-Wert Schwankungen oder starker Prädationsdruck) darstellen. Durch zeitlich begrenzte Stützung kann das Bestehen einer lokalen Population so sichergestellt werden, bis die Stressoren beseitigt werden können.

Im Herbst 2011 wurden aus einer gefährdeten und aus populationsgenetischer Sicht schützenswerten Freilandpopulation knapp 200 Edelkrebse entnommen. Die Tiere konnten bereits wie oben beschrieben erfolgreich vermehrt und erbrütet werden. Der Besatz eines Teils der erbrüteten und vorgestreckten Krebse in ihr ursprüngliches Gewässer soll im Sommer 2012 erfolgen.

 

Literatur:

Chucholl, C. & P. Dehus (2011). Flusskrebse in Baden-Württemberg. Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg (FFS), Langenargen, 29S.

Hager, J. (1996). Edelkrebse : Biologie - Zucht - Bewirtschaftung. Leopold Stocker Verlag, Graz; 128 S.

Jeske, H. (2007). Künstliche Erbrütung von Krebseiern. Forum Flusskrebse 7: 20-41.

Schulz, H.; Gross, H.; Dümpelmann, C. & R. Schulz (1999). Flusskrebse Deutschlands. In: Füreder, L. Flusskrebse: Biologie - Ökologie - Gefährdung. Folioverlag Wien/Bozen: 144 S.

Reynolds, J. & C. Souty-Grosset 2012. Management of freshwater biodiversity - Crayfish as bioindicators. Cambridge University Press. 374 S.

Zehnder, H. (1934). Über die Embryonalentwicklung des Flusskrebses. Acta Zoologica 15: 261-408.

 

Kontakt:

Dipl.-Umweltwiss. Kai Lehmann

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Zoologisches Institut Abt. Limnologie

Olshausenstrasse 40

24098 Kiel

0431 8804728

Helmut Jeske

Krebszucht Oeversee

Süderweg 1a

24998 Oeversee

04638/7506

Abbildung 1: Kreislaufanlage
Abbildung 1: Kreislaufanlage
Abbildung 2: Ausgewachsenes Edelkrebsmännchen
Abbildung 2: Ausgewachsenes Edelkrebsmännchen
Abbildung 3: Abstreifen der Krebseier.
Abbildung 3: Abstreifen der Krebseier. Ein ausgewachsenes Weibchen legt zwischen 100 und 250 Eier ab, die zu Beginn etwa einen Durchmesser von 2,5-3 mm haben. Die Eier heften mit kleinen Fortsätzen an den Pleopoden der Weibchen.
Abbildung 4: Brutmaschine für die Flusskrebseier.
Abbildung 4: Brutmaschine für die Flusskrebseier.
Abbildung 5: Geschlüpfte Edelkrebs
Abbildung 5: Geschlüpfte Edelkrebse, die direkt aus der Brutmaschine kommen. Die Tiere haben bereits die erste Häutung vollzogen haben und wiegen ca. 35 mg bei einer Gesamtlänge von ca. 12 mm.

Heimische Flusskrebse - Opfer von Unwissenheit und Globalisierung

Das Schicksal der in Mitteleuropa heimischen Flusskrebse

Dipl.-Biol. Anja Dethlefs, Zoologisches Institut der Universität Kiel

Der geschichtliche Hintergrund

Bis etwa 1860 waren Flusskrebse ein wichtiger Nahrungsbestandteil aller Bevölkerungsschichten. In fast allen Gewässern fanden sich in großen Mengen der „Edelkrebs" (Astacus astacus), der „Steinkrebs" (Austropotamobius torrentium) und der „Dohlenkrebs" (Austropotamobius pallipes). Um der Nachfrage nachzukommen, gab es in ganz Europa sehr viele Krebszuchten und Krebshälterungsanlagen ("Krebsgärten"), die jeweils mehr als 750.000 Krebse fassten. Allein in Paris aß man damals jährlich 7-10 Millionen Flusskrebse.

Doch dann starben in der Lombardei (N-W Italien) alle Krebse. Schnell kam der Begriff "Krebspest" auf, denn so schnell breitete sich das Sterben aus und man konnte seine Krebse nicht schützen. Nach wenigen Jahrzehnten gab es in ganz Europa nur noch wenige Gewässer, in denen Flusskrebse lebten. Die großen Ströme waren wie leergefegt, ein ganzer Wirtschaftszweig brach zusammen.

Um nun schnell wieder der anhaltenden Nachfrage nach Flusskrebsen nachkommen zu können, mußte für Ersatz gesorgt werden: Man unternahm Besatzversuche mit dem Galizischen Sumpfkrebs (Astacus leptodactylus) aus dem Schwarzmeergebiet und dem Kamberkrebs (Orconectes limosus) aus Nordamerika. Der Galizier fiel auch der Krebspest zum Opfer (dennoch stammen die wenigen Bestände in Deutschland von diesen Versuchen). Übrig blieb der resistente Kamberkrebs. Er konnte sich mehr als 100 Jahre ungehindert in ganz Europa ausbreiten und die durch die Krebspest entstandene Lücke füllen.

Um 1970 versuchte man den Signalkrebs als Speisekrebs zu etablieren, doch nur zehn Jahre später entdeckte man das Potential des in Deutschland immer noch vorkommenden heimischen Edelkrebses und begann die Speisekrebszucht ausschließlich mit dieser Art zu subventionieren.

Die Flusskrebse heute und ihre Gefährdung

Heute sind die heimischen Krebsarten (in Deutschland: Edelkrebs, Steinkrebs und Dohlenkrebs) immer noch sehr selten. Meistens kommen sie noch in Quellregionen oder für andere Krebse schwer zugänglichen Gewässern vor. Wer in seinem Gewässer Edelkrebse hat, kann sich glücklich schätzen, denn sie sind selten und anspruchsvoll, was ihren Lebensraum angeht. Deswegen sind sie eine Indikatorart: Wo Edelkrebse leben und sich ein stabiler Bestand hält, ist die Welt noch in Ordnung.

Die Krebspest ist ein Pilz, der aller Wahrscheinlichkeit nach aus Nordamerika eingeschleppt wurde. Der infektiöse Teil sind die frei beweglichen Sporen des Pilzes, die sich im Wasser befinden. Sie suchen aktiv nach einem Krebs, den sie infizieren können. Es reicht also allein das Wasser aus einem Gewässer mit infiziertem Krebsbestand aus, um einen erneuten Ausbruch der Krebspest hervorzurufen. Resistente (Bsp. Kamberkrebs) oder teilresistente (Bsp. Signalkrebs) Krebse können mit der Infektion leben. Eine Infektion von nicht resistenten Krebsen (alle einheimischen Arten) hat einen Totalausfall zur Folge: bei 20°C Wassertemperatur stirbt nach etwa einer Woche der gesamte Bestand. Anzeichen für eine Infektion sind zunehmende Tagaktivität, ständiges Putzen und eine Gleichgewichtsstörung. Tote Tiere sind von dem Pilz durchwuchert und geben dementsprechend viele neue Sporen frei.

Viele nicht heimische Flusskrebse (Kamberkrebs, Signalkrebs, u.a.) können auch heute mit der Krebspest infiziert sein. Zusammen mit ihrem Drang sich auszubreiten gefährden sie heimische Flusskrebse. Auch, wenn die nicht heimischen Flusskrebse nicht mit der Krebspest infiziert sind, können sie langfristig die heimischen Arten verdrängen, weil sie mehr Nachkommen produzieren, die schneller heranwachsen. Auch vor kurzem erst eingewanderte Krebsarten bedrohen die heimischen: Vor wenigen Jahren wurde erstmals der "Kalikokrebs" aus Kanada im Rhein entdeckt. Wahrscheinlich wurde er von Angehörigen einer Kaserne als Köder aus der Heimat mitgebracht. Mittlerweile ist er schon über mehr als 100 km Flussstrecke gewandert und hat sich dort ausgebreitet. Auch gibt es den "Roten Amerikanischen Sumpfkrebs", der weit verzweigte, meterlange Wohnröhren in das Ufer gräbt und damit Bewässerungssysteme und Deiche schädigen kann. Auch ist er für Massenwanderungen bekannt.

Zunächst einmal bedroht die Unwissenheit der Menschen unsere heimischen Flusskrebse: Viele wissen gar nicht, daß es Flusskrebse gibt und kennen auch nicht die Krebspest. Daß sie diese auch übertragen könnten, wenn sie mit ihrem Gummiboot von Badesee zu Badesee fahren, wissen sie dementsprechend auch nicht. Zoogeschäfte handeln mit exotischen Krebsen, die audch die Krebspest tragen können. Jederzeit könnten das Wasser oder exotische Krebse aus privaten Aquarien in unsere Gewässer gelangen. Der „Marmorkrebs" (Procambarus sp.) ist dabei besonders tückisch: Es gibt nur Weibchen und sie pflanzen sich eingeschlechtlich fort, also ohne Männchen und ohne eine Befruchtung. Ein ausgesetztes Tier kann also eine neue Population gründen.

Ein zu hoher Besatz mit Raubfischen kann eine Krebspopulation auslöschen.

Wasserverschmutzung kann zu Krebssterben führen. Auch Kuhmist führt zu einer Wasserverschmutzung. Die nicht heimischen Krebse sind wesentlich flexibler und können auch in verschmutztem Wasser und mit schlammigem Grund leben.

Das Ausbaggern eines Gewässers setzt den Krebsen enorm zu, weil sie mit ausgebaggert werden. Dies kann zum Aussterben einer Population führen!

Auch der Wasserbau wie die Kanalisierung eines Fließgewässers oder eine Uferbefestigung können heimische Flusskrebse vertreiben.

Schutz der heimischen Krebse

Besonders wichtig ist die Aufklärung der Öffentlichkeit über Krebse und vor allem deren Schutz. Auf jeden Fall muß auch im Bereich der Angelvereine eine solche Aufklärung erfolgen. Außerdem müssten Personen, die sich einen exotischen Krebs für das Aquarium anschaffen wollen, schon vor dem Kauf entsprechend informiert werdenBesonders effektiv sind Wanderbarrieren, um heimische Krebse vor nicht heimischen Arten zu schützen: Befinden sich zum Beispiel in einem Gewässer oberhalb eines Bestandes von Kamberkrebsen (nicht heimisch) ausschließlich Edelkrebse (heimische Art) und werden diese durch die Wanderung der Kamberkrebse, die vielleicht auch noch die Krebspest tragen, bedroht, so kann eine Wanderbarriere die heimischen Krebse schützen. Als Barrieren können unter anderem solche Bauwerke dienen, die zur Zeit im Rahmen der Wiederherstellung der Durchgängigkeit von Fliessgewässern entfernt werden. Es ist also genau abzuwägen, ob die Durchwanderbarkeit eines Gewässers nicht nur einen Nutzen, sondern vielleicht auch einen nicht wieder zurückzunehmenden Schaden bringt.

Sehr wichtig ist aber auch der Erhalt oder die Wiederherstellung des Lebensraums der heimischen Flusskrebse: Kanalisationen müssen entfernt, eine strukturreiche Umgebung mit vielen Versteckmöglichkeiten, unterschiedlicher Fließgeschwindigkeit und kiesigem Boden wieder hergestellt werden. Die infektiösen Sporen der Krebspest befinden sich im Wasser, nicht nur an den Krebsen. Deshalb muß man besonders darauf achten, daß kein Wasser aus einem Gewässer in das Nächste verbracht wird: alle Geräte und Kleidungsstücke müssen vorher gut getrocknet sein. Das Wasser von Besatzfischen kann Krebspesterreger beinhalten!

Die Situation in Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein ist nur der Edelkrebs heimisch. Früher gab es ihn auch hier reichlich, bis die Krebspest auch Schleswig-Holstein erreichte. Durch Wanderung und Besatz kam der Kamberkrebs ins Land und in den 70er Jahren brachten erneute Besatzversuche den Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) ins Land. Zu dieser Zeit brach auch mehrmals die Krebspest wieder aus. Auch gibt es wenige Galizier-Bestände (Astacus leptodactylus). Wo bei uns im Land noch heute Edelkrebse leben, ist weitgehend unbekannt. Man weiß von einigen Beständen, die sich entweder in entlegenen Teilen von Fließgewässern oder aber in Seen ohne Zu- oder Abfluß befinden. Hierher sind (noch) nicht die Krebspest oder andere Flusskrebsarten gelangt. Der weitaus weniger anspruchsvolle Kamberkrebs ist immer auf Wanderschaft und hat sich mittlerweile sehr stark im Trave- und Schwentinegebiet ausgebreitet. Sogar im Nord-Ostsee-Kanal hat man ihn schon gefunden. Eine Untersuchung hat gezeigt, daß einige Gewässer von Krebsen bewohnt werden, die mit der Krebspest infiziert sind. In jedem dieser Seen lebten zuvor Edelkrebse. Nur ein einziger Krebs oder auch nur das Wasser aus einem dieser Seen könnte in einem anderen Gewässer alle Edelkrebse töten oder einen bisher krebspestfreien Kamberkrebsbestand infizieren.

Forschung über Flusskrebse

Während meiner Doktorarbeit möchte ich nun mehr über die Flusskrebse und speziell die Edelkrebse in Schleswig-Holstein herausfinden. Vor allem interessiert mich, wo sie früher gelebt haben, wo sie heute noch vorkommen und wie sie sich ausgebreitet haben. Auch sollen die Auswirkungen anderer Krebsarten auf die Edelkrebse untersucht werden. Eine solche Kartierung wird im Auftrag des Landesverbands der Wasser- und Bodenverbände und mit Unterstützung des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume von mir durchgeführt.

Hierbei bin ich auch auf Hinweise von anderen Personen angewiesen, die wissen, wo früher oder heute noch Flusskrebse vorkommen. Jede Erwähnung von Krebsen in alter Literatur oder alten Fangstatistiken sowie Bezeichnungen wie „Krebsbach" oder „Krebskuhle" oder Erinnerungen an den Krebsfang als Kind kann mich zu einem noch nicht bekannten Vorkommen führen.

Sie können sich auch auf meiner Seite im Internet unter http://flusskrebse-in-sh.hammes.at (KEIN "www"!) über Flusskrebse informieren. Hier finden Sie auch eine Umfrage zu Flusskrebsen, einen Bestimmungsschlüssel für Flusskrebse und einen Meldebogen.

Anja Dethlefs, Dipl.-Biol.

Telefon: 0175-7667364

AB, der auch Faxe empfangen kann: 0431-3856360

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Biologiezentrum

Zoologisches Institut

Abteilung Limnologie

Am Botanischen Garten 1-9

D-24118 Kiel